STIMMEN ZUM FILM

blumen

Frieder Schlaich, Regisseur, Produzent & Verleiher,  schreibt:

„Zunächst mal das Wichtigste, ich habe ihn gerne gesehen … Die Stärke liegt in seiner ungewöhnlichen Unmittelbarkeit, man kommt den Figuren extrem nahe. Der Film ist so wie Du, er spricht Dinge direkt an und aus. Du erzählst sehr schön, ich mag diese Konzentration auf die wenigen Lebensausschnitte, das Privatleben, das Restaurant und den Boxclub. Was ich nicht so mag, sind vielleicht auch genau die Stärken des Films, ich bin beim Schauen hin- und her gerissen, ob ich die Figuren wirklich mag und ob mir das zu intim ist. Aber genau das ist eben spannend, weil der Film etwas mit einem macht! Ziemlich besonders, was Du da hingekriegt hast!“
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Karsten Wollny, Autor & Nachbar, schreibt:

¾. Das ist eine Art von Film, wie sie mich normalerweise überhaupt nicht interessiert. Und wenn den Film nicht meine Nachbarin gemacht hätte („Wow, die hat einen Film gemacht, der im CinemaxX läuft“), dann hätte ich mir den wohl nie angeguckt.Aber es ist ein Film, den meine Nachbarin gemacht hat, und deswegen ziehe ich meinen Hut viel schneller als sonst. Wenn ich mir Deine Vita angucke, dann bin ich ja schon froh, dass ich es gestern mal bis zum Dammtor geschafft habe. Ich bin da hin und hergerissen zwischen der Bewunderung einer, die das macht, worauf sie Bock hat, und dem Film, den ich gesehen habe. (Die Bewunderung rührt natürlich daher, dass ich immer wieder in diesem blöden Möbelpackerjob lande, der mich höchstens mal nach Stuttgart oder Oslo führt, und meine eigene Schreiberei nicht voran geht).

Trotzdem bin ich als Filmgucker nicht begeistert, dass immer wieder deutsche Filmemacher über „Beziehung“ drehen. Das ist natürlich meine Sache und muss nichts heißen. Viel anfangen kann ich damit aber nicht. Als ich nach Hause kam musste ich erst einmal einen Actionfilm gucken. Der war zwar scheiße, aber (na ja, mittel-) spannend.

Ich habe nichts gegen Filme, in denen „nichts passiert“. Sidney Lumets „Twelve Angry Men“ gehört zu meinen Lieblingsfilmen, und die verlassen für über eine Stunde nicht den Raum und reden nur. Aber ein Spielfilm, in dem nur darüber geredet wird, ob man zusammen ein Kind will, oder nicht? Kann das funktionieren? Ja, kann es. Mich interessieren zwar die Charaktere nicht, aber ich merke, dass das geht, dass das auch in Deinem Film funktioniert. Für mich nicht, aber für andere. Deswegen soll das negative an Kritik, was folgt, auch nicht missverstanden werden.

Die wichtigste Frage ist für mich: Wieso interessieren mich diese Leute nicht? Liegt das daran, dass sie keine „Möbelpacker“ sind, sondern eher solche Leute, die einem Möbler als Kunden auch mal extrem auf die Eier gehen können? Das habe ich zwischendurch tatsächlich mal kurz gedacht, aber wenn ich das wirklich so empfände, dann würde das nichts gutes über meinen Horizont sagen. Ein Film kann mir jeden nahe bringen, das weiß ich doch. Also liegt es vielleicht am Filmischen. Und hier lehne ich mich jetzt vielleicht weit aus dem Fenster, aber der Film bringt mich den Leuten nicht näher.

Am Anfang dachte ich: Geil! Szene am Wasser („Ich liebe dich!, ich liebe dich!, ich liebe dich!“) und dann gleich die Schwangerschaft. Hier wird keine Zeit verschwendet, glaubte ich. Und es wird auch im ganzen Film eigentlich keine Zeit verschwendet. Der hat das richtige Tempo, aber es ist immer ein Wechsel zwischen Szenen, in denen ich mitfühle und solchen, in denen mich das alles nicht interessiert. Mancher Streit zwischen den beiden war intensiv, andere Szenen haben mich völlig kalt gelassen. Manchmal erschien mir der Mann, als würde er durch das Drehbuch tapsen und nicht richtig wissen, wie er in die Szene passt (den Gärtner habe ich ihm beim Farnausbuddeln nicht wirklich abgekauft), dann wieder habe ich ziemlich genau fühlen können, wie „eng“ ihm eine Szene wird. Da gibt es die Szene, wo sie sagt: „Sprich mit mir!“ und er starrt am Tisch sitzend auf seine Zeitung. „Sprich mit mir!“ – „Sprich mit mir!“, und dann wirft sie den Kaktus auf den Boden und geht weg (Zimmertür im Off). Und er? Er blättert seine Zeitung um! Das war ein extrem geiler Moment und ich wusste genau, wie es ihm gerade geht.

Da frage ich mich, wie es kommt, dass mich so vieles in dem Film nicht berührt.

In einer Szene sitzt die Frau bei Bela B. F. aufm Motorrad und es läuft dazu irgendeine Rock’n’Roll- mäßige Mucke und das Bild steht im krassen Widerspruch zur Musik, denn die Musik ist, ja genau: Rock and Roll, aber das Bild nicht. Das hat immer den gleichen Ausschnitt: Von Helm bis Oberschenkel sieht man zwei hintereinandersitzen und der Hintergrund ist bewegungsmäßig verwischt. Das Bild zeigt nicht das, was die Musik ausdrückt. Ich dachte: Hey, die hat Probleme mit ihrem Mann, und jetzt ist sie mit dem anderen für Fun unterwegs, und das ganze läuft ohne Schnitt und „rockigen“ Perspektivwechsel und ist irgendwie lahm. Das könnten auch zwei Gymnasiasten auf einer Mofa auf dem Weg zur Schule sein. Und dann wird der Rock and Roll völlig ausgebremst, als die beiden auf dem Fernsehturm (?) stehen und runtergucken (es läuft immer noch die gleiche Musik) und nichts, wirklich nichts ist zu sehen, das diese Musik rechtfertigt. Die Musik behauptet etwas, was das Bild nicht zeigt.

In einer anderen Szene schnippelt sie in der Küche Gemüse und es ist sehr laute Musik zu hören. Auch wieder „populäre“ Musik (kann ich jetzt nicht mehr einordnen), von der ich glaube, sie solle etwas sagen. Aber es ist (obwohl ich natürlich „weiß“, dass sie die gerade zu Hause hört) bildlich nicht zu sehen, ob sie die angemacht hat, oder ob die Untermalung der Szene ist.

Diese beiden Szenen habe ich hier als Beispiel, weil mich weiter die Frage beschäftigt, warum mich die Leute nicht interessieren, und weil diese beiden Szenen das am besten zeigen. Ich bin in diesen Szenen nicht drin. Die werfen mich eher aus dem Film raus.

Solche Szenen, wie die, wo die beiden im Bett liegen und ihm ist gerade zu warm (oder zu heiß?) wiegen das natürlich wieder auf, aber insgesamt interessieren die mich immer noch nicht wirklich.

Die Ansage „keine Knutschflecke!“ ist ziemlich gut, weil sie einer Szene unnötigen Dialog erspart, das ist klasse. Die Frage nach der Kondomgröße ist ein kalkulierter Witz über den ich nicht lachen kann (diese Frage stellt sich vielleicht in Indien – da gibt es Dinger, die kriegt man echt nicht übergezogen). Solche kalkulierten Witze funktionieren natürlich bei großen Teilen des Publikums, aber ich bin mir nicht sicher, wie viel davon in einem Film wie diesem auftauchen sollten. Da bin ich mir wirklich nicht im klaren drüber. Kann sein, dass ich da die Gewichtung falsch beurteile.

Ich bin übrigens manchmal ziemlich pingelig, und wenn ich mich länger mit einer Sache beschäftige, dann kann es sein, dass ich noch pingeliger werde.

Der Chef von dem Cafe, in dem sie arbeitet, war in einem Moment echt geil, nämlich da, wo sie mit ihm vor der Tür steht und sie wieder reingeht. Seine Mimik danach ist sehr schön. Das ist das positiv – pingelige. Das negative wäre unter anderem: Müssen denn immer alle „Juhu!“ „aaah!“ machen, wenn einfach nur eine Sektflasche geöffnet wird? Da frage ich mich: Ist das jetzt Karikatur oder schlichte Darstellung?

Ich würde den Film gerne noch einmal bei mir auf dem Rechner gucken. Manche Filme kommen bei mir erst beim zweiten oder dritten mal an („The big Lebowsky“ fand ich erst beim vierten mal geil). In Deinem Film wechselt es von Sekunde zu Sekunde, wie ich eine Szene finde. Eben noch bin ich von den Tränen der Frau überzeugt, glaube ihr, weil die Stimme so überzeugend stockt (ich fühle ihren Kehlkopf), dann wieder frage ich mich: Was soll das denn jetzt? – Bis sie mich wieder hat („Fick doch das Geld!“) Es geht hin und her.

Irgendwann treffen sich die beiden vor ihrem neuen Laden und er sagt: „Ich habe Angst“.

Sie sagt: „Ich auch. Aber das macht nichts.“

Ich wusste sofort: Das war’s. Und das ist geil. Auf dieses Ende steuert der Film zu, und auch wenn mir der Weg dahin nicht immer gefallen hat, ist das ein gutes Ende. Da hat jemand gewusst, wo er (sie) hinwill und ist da hin gegangen.“